Interview
EXITS TO FREEWAYS
“Zwischen den Stühlen”
19. März 2009 | Von Silke Winkler | Kategorie: InterviewSie brachten im September 2008 ihr Debut-Album “Spilling Drinks, Spelling Names” beim Label Noisolution heraus. Eine dreiköpfige Band die sich nicht einordnen lassen. Sie hinterfragen alles und jeden und doch geht es bei ihnen nur um Musik… Wir trafen uns mit EXITS TO FREEWAYS und sprachen über die Band, ihren psychologischen Schutzwall, die Szene und Stromlinienhaltung im Hunderteuropack.

OIAB: Seit wann gibt es ETF?
Thomas: Seit Herbst 2004.
Kriton: Ja. Thomas und ich haben aber vorher schon rummassakert.
OIAB: Wie habt ihr euch kennen gelernt?
Kriton: Ich hab Thomas über seine damalige Mitbewohnerin kennen gelernt. Ich bin spät abends mal in der WG aufgetaucht und wir haben Platten aufgelegt. Irgendwie kamen wir dann da drauf, dass Thomas Schlagzeug spielt. Vorsehung.
OIAB: Wo kommt ihr her? Ihr seid ja ursprünglich nicht aus Hamburg.
Thomas: Ich komme gebürtig aus Hannover und bin in einer Kleinstadt da in der Nähe aufgewachsen. Nienburg an der Weser, wo die Becksflaschen hergestellt werden.
Kriton: Ich bin in Deutschland geboren, war dann aber erstmal auf Zypern, wo meine Mutter herkommt. Ab Schule habe ich dann in Mannheim gewohnt. Ist zwar nicht so die Mega-Großstadt, aber man bekommt Import-Platten.
OIAB: Und wo kommt Jan her?
Kriton: Jan ist aus Bielefeld, glaub ich. Oder?
OIAB: Was hat euch nach Hamburg verschlagen?
Kriton: Ich habe vorher in Frankfurt gelebt und hatte irgendwie die Schnauze voll. Dann war ich ein Jahr lang unterwegs, bin so durch die Gegend gefallen, und bin dann hier in Hamburg hängen geblieben. Als ich damals in der Wendenstraße gelandet bin [Anm.: Künstlerkolonie in Hammerbrook], dachte ich „Boah, geil! Wenn alle Hamburger Wohnungen so sind, dann bleib ich hier!“ (Thomas lacht) Auch die Hoffnung auf Stromgitarrenkompabilität hat mich nach Hamburg verschlagen. In Frankfurt gibt es das zwar auch, ist aber recht überschaubar. Hier spielt irgendwie jeder Gitarre. Du doch auch, oder?
OIAB: Was macht ihr denn neben eurer Band noch? Jobbt ihr?
Kriton: Nö, ich lebe davon. Ich mache weitestgehend freischaffend Musik für Theater und Film und versuche die bösen Erfahrungen in der Werbung möglichst zu vermeiden. Es ist schwierig davon zu leben, aber es geht.
Thomas: Ja, da ich nicht davon leben kann, jobbe ich neben dem Schlagzeug spielen.
Kriton: Er ist der „hard-working man“ in unserer Band. (lacht)
OIAB: und Jan?
Thomas: Irgendwas mit Computern
OIAB: Wie würdet ihr eure Band mit wenigen Worten beschreiben?
Kriton: Mist, da wäre es doch sinnvoll gewesen, ein paar Plattitüden vorher auswendig zu lernen.
Thomas: Spannungsreich auf jeden Fall.
Kriton: Wenige Worte sind ein bisschen mehr als ‚spannungsreich’.
Thomas: Zerrissen.
Kriton: Hungrig. Das sind schon drei. Zwischen den Stühlen und das ist nicht unsere Schuld.
Thomas: Mit dem Rücken zur Wand.
Kriton: Nicht so ganz in Hamburg integriert.
OIAB: Wie kommt das?
Kriton: Das ist die Musik, nehme ich an.
Thomas: Zum Teil.
Kriton: Ja, das ist ja auch nicht nur in Hamburg so. Für die kleinen Emo-Geradeaus-Stumpf-Rocker ist die Musik zu kompliziert und für die verfrickelten Indie-Gitarristen ist es zu rockig, zu simpel. Da eckt man dann halt an.
OIAB: Was ist denn mit denen, die in den 90ern ähnliche Musik gehört haben? Sind nicht die Leute, die damals z.B. zu REFUSED Konzerten gegangen sind, auch die Leute, die Euch heute hören würden?
Thomas: Das frage ich mich auch manchmal. Das Problem ist, glaube ich, wir reden ja nicht von bestimmten Leuten, sondern über die „Scene“ in die sich die Menschen integrieren. Genau hier merken wir, dass wir zwischen den Stühlen sitzen. Ich denke auch, dass da Menschen sein müssten, die das hören, aber du findest sie nicht so einfach, wie du es mit anderer Musik tun würdest.
Kriton: Das Ding ist auch, wenn man mal die letzten 10 Jahre betrachtet, dann ist temporeiche Rockmusik runtergeschrumpft auf „Don’t bore us, get to the chorus“. Entweder es zündet sofort, oder eben gar nicht. Und dann gibt es noch die musikinteressierten, studierten Musikwissenschaftler im Postcore-Bereich, die Tapping-Gegniedel als einziges „progressives“ Stilmittel sehen, dass gerechtfertigt ist. Und irgendwo dazwischen sind wir. Ich glaube man kann simpel zusammenfassen, dass da den Leuten, die auf Rock’n’Roll stehen, zu viele Breaks drin sind und den Leuten, die einen auf advanced mit entsprechenden intellektuellem Überbau machen, denen ist es aufgrund erhöhter Ressourcenwerte zu vulgär. Im Gegensatz zum Ende der 90er Jahre, wo elektronische Sachen eher vorherrschend gewesen sind, gehen ja wieder viele Menschen auf Rock-Konzerte. Rockmusik, Röhrenjeans, Chucks, das ist ja alles in den letzten Jahren wieder gekommen, als großes Verkaufsthema… In Hamburg gibt es ein paar interessante Bands, aber generell ist es nicht so, dass du mit einem offenen Ohr empfangen wirst, wenn da so viele stilistisch verschiedene Sachen mit drin hängen. Die meisten Bands, vor allem jüngere Kids, denken wahrscheinlich gar nicht drüber nach und glauben, „integrierbare“ Musik machen zu müssen. Viele klatschen so ein homogenes Ding raus. Ich habe auch das Gefühl, dass dieses Koordinatensystem aus wahnsinnigem Informationsgehalt und Bis-zum-Gehtnichtmehr-Verfügbarkeit bei Myspace so eine Stromlinien-Haltung fördert. Außerdem kriegst Du Instrumente in einem Hunderteuropack. Da kriegst du deine Gitarre, deinen Verstärker, dein Stimmgerät, das Plektrum, den Gitarren-Ständer und die dazugehörige Attitude als Manual. Wo die Kids, die das Ganze nicht so kritisch beäugen, weil sie das gar nicht als Problem sehen, mit den Regeln aufwachsen, dass man so leicht einsteigen kann, denk ich schon, gibt es so eine Art Fastfood-Sozialisation. Ich würde mich jetzt nicht hinstellen und sagen „Ey, früher war alles besser!“. Bullshit. Aber mir fällt schon auf, dass eine gewisse Geduld, oder Reinhörlust oder sich heranarbeiten an Musik schon abgeflacht ist.
OIAB: Aber wenn man nach der Szene fragt… wo würdet ihr euch da einordnen?
Kriton: Am liebsten keiner. Wenn mich jemand fragt „Was machst du für Musik?“, dann sag ich „Rockmusik“. Das trifft’s halt einfach. Das ist die älteste Artist-Interviewer-Streitfrage ever. Hier in Hamburg gibt es auch nicht so diesen krassen Verbundgedanken, wo man sagt: Ich häng total viel mit denen ab. Wenn man will, kann man uns als unsere eigene Szene bezeichnen, haha! Im Ernst, wir haben exakt eine Band, die wir als Homies bezeichnen würden. Die helfen uns beim Mischen und springen ein, wenn Not am Mann ist. Da ist halt eine gegenseitige Wertschätzung von Fleiß oder Arbeit an der Musik.
OIAB: Was sind eure Einflüsse?
Kriton: Im Moment höre ich THE KILLERS und BEATLES. Ich war schon immer eher für das melodiöse Zeug. Der Gegenpart sind dann eher so Sachen wie DILLINGER oder REFUSED.
OIAB zu Thomas: Ist das dann eher dein Ding?
Thomas: DILLINGER kenn ich gar nicht so. Ich hab früher auch Metal gehört, aber ich glaube, dass ich schon die härteste Fraktion stelle, so vom Ursprung her.
Kriton: BEATLES sind für mich grad echt ein großes Thema. Eigentlich immer wieder. Bei den letzten Konzertfahrten liefen immer die BEATLES.
Thomas: Für mich sind die BEATLES ein Grund, warum ich überhaupt mit dem Instrument angefangen habe. Ganz definitiv. So mit 11 oder 12 habe ich nichts anderes gemacht als die Musik zu hören. Eigentlich wollte ich Bass spielen aber ich hab dann immer angefangen rumzutrommeln.
Kriton: Ich hab auch mal aus einer dänischen Keksdose eine Trommel gebaut. Nee, also BEATLES sind DIE Band.
OIAB: Wie entstand denn das „Tourette Red“ -Video?
Kriton: Das MTV-kompatible Ding? Das war ein Kumpel von der Filmhochschule. Den hab ich da kennengelernt. Ich glaube er hat sogar uns angesprochen.
Thomas: Matthias Stähle heißt er.
Kriton: Ja genau. Matthias Stähle mit seiner kleinen Filmproduktionsklitsche Meerfilm. Irgendwie ist er gut darin krasses Equipment für lau zu bekommen. Wir haben nichts dafür bezahlt, mussten dafür aber auch nach einem Drehtag Schluss machen. Das Video geht eigentlich noch viel weiter. Wir wollten eigentlich die Bilder, die da jetzt zu sehen sind, gnadenlos durch den Kakao ziehen.
OIAB: Warum agiert ihr eigentlich nicht mit euren eigentlichen Namen, sondern gebt euch Phantasienamen?
Thomas: Das ist der psychologische Schutzwall. (lacht)
Kriton: Ja, das fasst es eigentlich ganz gut zusammen. Letzten Endes soll es um die Musik gehen und nicht um unsere Namen. Viele Menschen verstehen auch unseren Bandnamen als Bekanntmacherei, Gimmick und Quatsch und was weiß ich noch alles, was es aber nicht ist. Es sind zum größten Teil vielleicht tiefe psychologisch kultivierte Schnapsideen. Das mit dem Namen ist einfach Spaß mit tieferem Hintergrund, wie ich gerade erfahre. (lacht.)
OIAB: Weshalb erzählt ihr laut Bandinfo nichts über eure Vorgeschichte, Produzenten, Gästen oder ähnliches?
Kriton: Ich glaube Arne von Noisolution meinte das im Info anders, dass es das alles nämlich nicht gibt. Wir haben kein besonderes Feature, wie, dass wir mit nem Topmodel im Bett waren oder dass wir ne tolle Rockband sind, deren Mitglieder vorher bei ner berühmten Hardcore-Kapelle gespielt haben, sondern dass wir das eben nicht haben. Und da nimmt man aus der Not eben genau das als „Feature“. Gerade als kleine Band erscheint es ja immer als notwendig eben so ein Feature herauszustellen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber was Produzenten angeht: Gregor Hennig, der sehr viel auf unserer Platte abgemixt hat, hat z.B. schon mit Robocop Kraus was gemacht. Also schon ein Top-Mann! Sehr cooler Produzent.
OIAB: Zum Abschluss interessiert uns noch, ob ihr als Hamburger ein paar Tipps für unsere Leser habt. In welchem Club in Hamburg gibt es eurer Meinung nach die besten Konzerte?
Kriton: Astra-Stube. Ein Club, in dem beim Booking auch kleineren Bands eine Chance gegeben wird. Sie versuchen immer interessante, neue, kleine Bands auftreten zu lassen. Und auch in schwierigen Zeiten gibt es für kleine Bands eine Chance dort. Was im Molotow nicht unbedingt der Fall ist, die wollen halt internationale Acts. Ansonsten in Wilhelmsburg das Fährhaus.
OIAB: Wo kauft ihr eure CD’s?
Kriton: Burnout in der Schanze oder ich bestell bei Flight 13 und Amazon/Ebay. Hängt ja auch von den Sachen ab die man kaufen will. In Hamburg gibt auch einen sehr charmanten kleinen Laden an der Paul-Roosen-Straße Ecke Kleine Freiheit, „Freiheit und Roosen“. Da gibt es nicht nur Platten, sondern auch andere hübsche Dinge.
OIAB: Kleidung?
Kriton: Spielt überhaupt keine Rolle. Ich glaube wir werden jetzt erstmal berühmt und dann fangen wir an mit Kate Moss in den Boutiquen einzukaufen. Ich bin ja schon an Mode interessiert im Gegensatz zu euch (lacht), aber… nee. Oder warte mal, könnten wir jetzt nicht irgendwelche Klamottenläden supporten? Es gibt auf jeden Fall ein befreundetes Klamottenlabel aus Hamburg, Hui Hui heißt das. Aber wir tragen da jetzt nicht deren Kleidung. Frage an euch da draußen: Will uns nicht jemand mal einkleiden? Irgendwie wird das nichts, glaub ich.
OIAB: Ok. Das war’s. Danke schön.
Kriton & Thomas: Danke auch!
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