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Interview

The Drums über Hype, Pop, Punk und die Menschlichkeit in ihrer Musik

„Die Makel machen die Sache interessant.“

21. Juni 2010 | Von Sara Henniges | Kategorie: Interview

The_Drums_Interview

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Hamburg, 1. Juni 2010. Wir treffen drei Viertel der DRUMS zum Interview vor ihrem ausverkauften Konzert im Molotow auf der Reeperbahn. Frontmann und Sänger Jonathan Pierce fehlt. Jacob Graham und Adam Kessler, die Gitarristen, und Drummer Connor Hanwick wirken zu Beginn des Interviews noch etwas distanziert, werden aber im Laufe des Gesprächs immer offener und freundlicher. Von Arroganz keine Spur – selbst Adam, der berühmt-berüchtigt dafür ist, sich in Interviews auszuschweigen, ist äußerst gesprächig.

Von Hamburg hat die Band nicht viel zu sehen bekommen – bis auf natürlich die diversen Sexshops und Kinos in der Nachbarschaft des Molotows. Dementsprechend belustigt reagieren sie auf unsere Erklärung, dass es sich bei dieser Ecke Hamburgs um das Sex-Disneyland Deutschlands hält. Die Tour lässt der Band offensichtlich wenig Freiraum für Sightseeing. So ist ihnen beispielsweise nicht bewusst, dass Hamburg am Wasser liegt. Aber genug des Small Talks …

OIAB: Wenn man sich die Musikpresse weltweit anschaut, werdet ihr als „the next big thing“ bezeichnet. Wie ist das für euch?
Jacob: Es fühlt sich nicht anders an, als wenn wir nicht „the next big thing“ wären.
Connor: Es ist sehr schwierig, solche Dinge objektiv zu beurteilen. Wir vergleichen uns nicht unbedingt mit anderen Bands, also ist es schwer, sich in einer Art von Rangliste zu platzieren. Es ist wirklich schwierig. Es mag so scheinen, als wären wir „the next big thing“, wenn man nicht Mitglied von THE DRUMS ist. Bist du es aber, weißt du nicht wirklich, was das alles bedeuten soll.

OIAB: Hat es denn gar keinen Einfluss auf euch? Ist es eher schmeichelnd oder angsteinflößend?
Adam: Nein nein, es schmeichelt uns schon, aber es ist so, als wäre man der neue iPod, weißt du? Man weiß immer, dass es einen neuen geben wird. Wir werden immer das tun, was wir gerade machen, egal was kommt. Das wird sich eh alles legen – und dann kommen die nächsten.
Jacob: Es ist auf keinen Fall angsteinflößend. Ich finde, es ist schmeichelnd. Ich würde „angsteinflößend“ durch „äußerst merkwürdig“ austauschen.

OIAB: Könnt ihr das denn überhaupt ernst nehmen?
Jacob: Können wir nicht, denn man kann ja nur eine gewisse Weile „the next big thing“ sein und dann bist du ein „has-been“.
Connor: Hoffentlich entwickelt es sich dazu, dass wir eine verlässliche und beständige Quelle guter Musik und guter Alben werden.

OIAB: Wo seht ihr euch denn in fünf Jahren?
Adam: Höchstwahrscheinlich … nicht mehr da! Ich weiß es nicht. Wir wollen einfach nur beständig gute Alben machen, so lange es sich noch richtig anfühlt und Konzerte spielen für Leute, die sie sehen wollen. Das ist doch kein neues Ding! Bands haben es in den letzten 50 Jahren so gemacht und machen das auch noch heute: Einfach spielen.
Jacob: Wir versuchen nicht, irgendwelche langfristigen Pläne zu machen. Wir haben ja nicht mal einen kurzfristigen Plan. Also …
Adam: Wir sind aber sehr aufgeregt darüber, dass unser erstes Album in ein paar Tagen rauskommt.

OIAB: Ihr habt eure EP im Februar herausgebracht. Seht ihr sie auch schon als Album an oder ist es eher eine lose Zusammenstellung von Demos?
Adam: Nein, Demos nicht. Demos gibt es in unserer Welt nicht. Wenn wir ein Lied aufnehmen, machen wir alles selbst.
Jacob: Ja, wir nehmen nie einen Song zweimal auf. Eine Hälfte des ganzen Albums wurde sogar zusammen mit der EP aufgenommen. Sie haben also einen sehr einheitlichen und zusammenhängenden Charakter.
Connor: Ich finde, dass es eher ein Album ist als eine Zusammenstellung von Songs. Diese speziellen Sachen sind ziemlich fokussiert und dadurch sehr einheitlich. Wer weiß, ob die zukünftigen Lieder das gleiche Thema verfolgen. Diese Songs sind jedoch ein ziemliches Paket. Die Lieder ergänzen sich und wir haben viel darüber nachgedacht, wie wir das Album zusammenstellen. Das Album an sich besitzt gewisse Elemente gesprochener Erzählung – vom ersten Song „Best Friend“, der wirklich Jonathans und Jacobs erstes zusammen geschriebenes Lied war, zum Ende des Albums gibt es einen roten Faden.

OIAB: Es ist sehr schön, dieses Konzept vom Album wiederzuentdecken, bei dem man ein Album von vorn bis hinten durchhören muss. Ich finde, dass das in der Zeit von iTunes verloren geht.
Jacob: Ja, viele Leute verbinden Lieder nicht mehr so sehr mit Alben heutzutage.

OIAB: Vielen Leuten ist es egal, wie ein Album zusammengestellt wurde.
Jacob: Natürlich. Aber vielleicht ist das heute auch nicht mehr wirklich notwendig. Ich denke, dass wir es einfach nur so machen wollen, wie es für uns passt – wir wollen es uns ein wenig schwerer machen, denn wir mögen es, uns einen gewissen Rahmen zu setzen.
Adam: Wie dem auch sei, wie jemand auch immer Musik genießen möchte, ob er einzelne Lieder mag oder ganze Alben – ich finde beides gut. Es gibt Alben oder Bands, die ich nicht leiden kann, von denen ich dann jedoch trotzdem mal ein Lied mag.
Connor: Ich glaube, wenn du ein Album machst und Songs schreibst, müssen die Lieder sich ergänzen. Ich glaube auch, dass unsere Lieder vollkommen für sich allein stehen können, aber wenn man sich dazu entscheidet, weiterzugehen, sind die Lieder eine Art Fragment oder eine Vertretung für das gesamte Album und das wiederum vertritt dann die gesamte Idee von dem, was wir machen.

OIAB: Kommen wir vom Album zu den einzelnen Songs. Wie entstehen sie? Kommt zuerst eine Melodie, ein Gitarrenriff, eine Basslinie? Könnt ihr das überhaupt generell sagen?
Jacob: Nun, ich glaube nicht, dass wir das so allgemein sagen können, denn Jonathan ist unser Hauptsongwriter. Ich weiß, dass bei ihm die Texte ganz zum Schluss kommen. Ich glaube, die Melodien sind normalerweise zuerst da und das bestimmt dann alles Folgende. Es kam auch schon vor, dass mir ein Songtitel einfiel, so ungefähr: „Hey, das ist ein toller Name für ein Lied, mach daraus ein Lied!“, und dann macht er das. Aber ich denke, er würde das nicht machen, wenn er nicht bereits vorher eine passende Melodie im Kopf gehabt hätte. Ich denke, die Melodien sind immer die wichtigsten Elemente für uns. Sie bestimmen die grundlegende Stimmung eines Liedes.
Adam: Ja, ich glaube der Titel bestimmt viel vom späteren Lied.

OIAB: Eure Musik war ein großes Thema bei uns in den letzten Wochen und wir haben einmal versucht, eine Beschreibung für sie zu finden. Wir denken, dass sie sehr reduziert, aber dennoch recht dicht ist. Man könnte sagen, sie ist sehr effektiv in ihrer Einfachheit. Ist diese Kennzeichnung für Euch in Ordnung?
Jacob: Ja, Dankeschön. Ich denke, das ist genau das, was wir von Anfang an erreichen wollten. Es gibt eine Menge Bands heutzutage, die so sehr versuchen, experimentell und originell zu sein und sie stellen diese ganzen verschiedenen Sachen auf die Beine und haben dreißig Spuren in ihren Liedern und man weiß nicht einmal genau, was man da eigentlich wirklich hört. Das ist auch in Ordnung. Was wir machen, ist ja nicht einmal als Reaktion darauf zu verstehen. Es ist eben nur so, dass wir es ein wenig simpler und auf den Punkt mögen und man muss nicht gerade viel nachdenken, wenn man sich einen unserer Songs anhört. Du spielst sie ab und genießt sie. Die meisten unserer Lieder bestehen nur aus sechs bis acht Spuren, was in der heutigen Musikwelt ziemlich unerhört ist. Wenn du jedoch unter diesen Voraussetzungen nicht das erreichst, worauf du abzielst, ist das Lied, das du geschrieben hast, vielleicht nicht gut genug. Die Lieder sind nämlich die Hauptsache und wenn man eine ganze Menge von Extrazeug um sie herumbauen muss, will man eventuell von dieser Tatsache ablenken.
Connor: Es ist ungefähr so, als würde man sich ein wunderschönes Foto anschauen, in dem man nur ein Zimmer mit einem Stuhl und einem Fenster sieht, wohingegen dort ja auch ein Stuhl, ein Fenster, eine Frau, ein Mann und ein Gemälde an der Wand sein könnte. Wenn man die Dinge auf eine prägnante Ebene herunterbricht, sieht mehr eher das Spezielle in ihnen. Es springt dir sofort ins Auge.

OIAB: In einer Review von einem Eurer ersten Konzerte in Deutschland wurde geschrieben, dass mit euch die 2010er Jahre musikalisch beginnen könnten. Wir finden das ebenso. Kennt ihr THE XX?
Connor: Ja.
OIAB: Sie sind ebenso reduziert, aber auch sehr effektiv.
Connor: Auf eine andere Art und Weise sicherlich.
OIAB: Vielleicht könnte dies also wirklich der Beginn einer neuen Musikdekade sein, nach diesem Indiejahrzehnt, das gerade hinter uns liegt.
Jacob: Vielleicht. Ich habe noch nicht viel von THE XX gehört, aber an dem, was ich gehört habe, schätze ich, dass sie ebenfalls sehr prägnant und auf keine Weise extravagant oder exzessiv sind.
Adam: Da ist nichts, was nicht wirklich benötigt wird.
Jacob: Viele Leute haben über verschiedene ihrer Konzerte geredet. Ich habe sie noch nie erlebt, aber habe Videos und so gesehen. Ich glaube, es gleicht ziemlich dem, was wir live machen, obwohl es vielleicht sehr entgegengesetzt wirkt. Es ist das Konzept, nicht 20 verschiedene Instrumente oder 20 verschiedene Menschen auf der Bühne zu haben. Klar haben unsere Konzerte viel mehr Bewegung und sind viel lebendiger als ihre, aber es ist trotzdem die gleiche Idee, sehr fokussiert auf die Musik zu sein.

OIAB: Ich habe letztens die MUSE-DVD aus Wembley gesehen und es hat mich sehr an SPINAL TAP erinnert. MUSE begannen auch als Indie-Band, sehr reduziert als Trio, und heute wirken sie eher lächerlich. Ich finde es sehr erfrischend, dass jemand wie ihr daherkommt.
Jacob: Es ist lustig, dass du das sagst. Unsere Musik ist ja nicht perfekt. Wir haben unser Album selbst produziert und gemixt – technisch ist das nicht perfekt abgemischt, denn wir wissen ja gar nicht, wie das geht. Wir mögen aber die Idee, dass unsere Sachen irgendwie unfertig sind, denn alles, was fertiggestellt ist, ist nicht mehr interessant und hat keinen Charakter. Die Makel machen die Sache interessant. Ich glaube, gerade gestern Abend fragte jemand in einem Interview, ob wir denn beim nächsten Album die Chöre und Orchesterparts dabei hätten. Wir haben als Band schon darüber gesprochen und wir finden, dass es Zeit ist, uns zu trennen, wenn wir einmal an diesen Punkt ankommen. Dann würden wir nämlich nicht mehr interessant sein. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie man Gitarre spielt, aber ich glaube, wenn ich es lernen würde, wäre es nur langweilig.
Adam: Du spielst jetzt seit einem Jahr, oder?
Jacob: Ja, und ich kann immer noch keine anderen Songs als unsere eigenen!

OIAB: Das ist doch Punk, oder?
Jacob: Früher einmal, ja. Ich weiß nicht, ob es das immer noch ist.
OIAB: Die Einstellung zur Musik jedenfalls.
Jacob: Vielleicht, ja.
Connor: Nun, ich glaube, es ähnelt sich darin, dass sich die Zeiten ähneln. Wir haben ja über ein neues Jahrzehnt gesprochen – ich glaube, es läuft gerade so eine unausgesprochenes Sache ab und man kann Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Zeiten finden wegen der Art, wie Leute gerade Musik machen. Gerade wenn es um die Einfachheit in Songstrukturen geht, über die wir vorhin geredet haben, zeigt sich heutzutage eine allgemeine Stimmung. In den letzten fünf bis zehn Jahren pflegten Bands den Exzess, wurden groß und je größer und angestrengter die Bands wurden …
Jacob: … es ist ja fast so, als würde man sich Orchester anschauen …
Connor: … oder als würde man sich immer einen großen Popstar anschauen. Es scheint so, als würden Bands in den Hintergrund treten. Bands wie THE KILLERS wirken so distanziert. Wo es jetzt wieder hinführt, ist, und das stimmt überein mit der Art, wie Musik heute wieder gemacht wird, dass vier Freunde in einem Schlafzimmer ein Album aufnehmen können. Genau das haben wir gemacht und es geht so weit, dass wir auf einem Major Label sein können, denen unsere fertige Platte geben, die von ihnen nicht angefasst wird und sie veröffentlichen sie trotzdem. Ich glaube, wir sind gerade in einem Prozess, dass sich die Zeiten ändern und dass Major Labels oder normale Erwachsene nicht wissen, was abgeht – also sind sie bereit, ein Risiko einzugehen mit Bands wie uns, indem sie sagen: „Was immer ihr auch macht, okay, wir kapieren das zwar nicht, aber wir finden das in Ordnung.“
Adam: Ich glaube, sie können die Menschlichkeit in der Musik hören, die den größeren Bands eben heute fehlt.

OIAB: Ja, man hört das Herzblut. Wir sind große Fans. Als ich eure EP heruntergeladen habe, wurde sie im Genre „Alternative/Punk“ geführt (Band kichert). Ich habe sie mir dann angehört und gedacht: „Nein, das ist wundervoller Pop, genauso wie populäre Musik sein sollte.“, und ich änderte es zu „Pop“. Vielleicht wechsele ich dann aber doch wieder zu „Punk“.
Jacob: Vielleicht ist das wirklich unser Ding. Unser Hauptziel ist es, Pop-Songs zu schreiben, aber in dem gegenwärtigen Umfeld ist genau das eine ziemliche Punksache, denn niemand sonst tut das. Viele sind einfach zu beschäftigt damit, tough zu wirken und richtig zu rocken, anstatt dass sie Pop-Songs schreiben.
Adam: THE RAMONES haben Pop-Songs geschrieben.
Connor: Das ist es ja gerade! Viele haben die Idee von Punk falsch verstanden. Sie denken, dass Punk eine spezifische Ästhetik verfolgt und eine bestimmte Machart darstellt und nicht eine Stimmung. Punk ist aber eben keine Regelsammlung – es ist nur eine Art und Weise, wie man Dinge anpackt. Ich glaube, Punk ist noch abstrakter als viele Leute glauben.

OIAB: Vielen Dank für das Gespräch!

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