Review
KAFKAS “Paula”
23. April 2010 | Von Sven Dührkop | Kategorie: Review
Wer sich in die Politik begibt, wird an Inhalten gemessen, dies sollte Außenministern genauso ergehen wie musizierenden Zeitgenossen. Die KAFKAS versuchen sich mit ihrer fünften Platte auf diesem Terrain – und scheitern am Zeitgeist.
Ein Video voller ergrauter kommunistischer Eminenz aus Fernost ist ja ganz lustig anzuschauen und gleichzeitig auch noch total superironisch, aber wo bleibt die Substanz, wo der Gegenentwurf und wo geht es denn über unverbindliche und leere Floskeln hinaus? Größer als die Wende? Größer? Besser? Bei aller Ironie – wirkungsvoller und konstruktiver Antikapitalismus und Kritik an bestehenden Zuständen geht anders. Wer sich das in musikalischer Form erhofft, sollte sich DIE GOLDENEN ZITRONEN anhören. Die KAFKAS sind dagegen von Anfang an verloren auf dem Allgemeinplatz des himmlischen Friedens. „Wenn es eine Hölle gibt“ und dann auch noch „Die Götter versagen“, kann da natürlich auch keine Abhilfe verschafft werden. Stattdessen wird fleißig die Zitatehölle besucht. Zu oft schauen KETTCAR um die Ecke und fühlen sich wahrscheinlich in Text und Musik befindlichkeitsfixiert hinreichend gut kopiert. Da „bluten Herzen“ en masse, ist kein sprachliches Bild zu groß und kein Zitat aus den letzten Jahrzehnten deutscher Musikgeschichte zu abgegriffen („Was hat euch bloß so ruiniert?“). Musikalisch wirklich überzeugend sind allein die Anleihen an den reichlich inflationären Electroclash-Grazien der letzten Jahre. Wenn man die Ohren auf Durchzug stellt, könnte die erste Single „Klatscht in die Hände“ mit ihren Synthie-Läufen auf die Tanzfläche treiben, ebenso das furchtbar ungelenke „Wenn ich mal ein Tattoo habe“. In letzterem Lied kommt jedoch schließlich alles zusammen, was dieses Album so unausgegoren macht: „Das ist ein Liebeslied, aber antikapitalistisch“, raunt der Sänger, während im Hintergrund solche Art von Diskomusik läuft, die in den letzten Jahren ja so schwer angesagt war. Hier wird nach Trends geschielt – aber total kredibel, weil unkapitalistisch. Irgendwie unbedarft und möglichst unverbindlich kritisch sind ja momentan schon SILBERMOND. Da sitzt das Unbehagen im Nacken, dass es gerade modern ist, gegen das Große und Ganze zu sein, und dabei jedoch vermissen zu lassen, wogegen man sich eigentlich wirklich positioniert und mit welcher Alternative man dem zu Leibe rücken möchte. Wenn diese flache Attitüde dann noch unterlegt ist von beliebig austauschbarer Pop-Dudelei, die niemandem weh tut, bleibt ein schaler Beigeschmack – um es mit EVERYBODY WAS IN THE FRENCH RESISTANCE … NOW! zu sagen: „He’s not a rebel, it’s just a pose.“
So bleiben Die KAFKAS gefangen zwischen austauschbarem Befindlichkeitsgewäsch, für das ihnen aber einfach die Worte bzw. die Adjektive fehlen, als dass sie wirklich berühren könnten, ungezielter Ironie und undurchdachten Revoluzzerträumen. Natürlich ohne Blut – hier ist leider nichts wirklich richtig gut.
Release Date
16.04.2010Rating (3 von 10)
★★★★★★★★★★


